
ZELLTHERAPIE
Analyse und Aspekte von Franz Schmid
Eine therapeutische Richtung
in der Medizin wird über die Eventualitäten eines Mode- oder Werbeerfolges
hinaus um so dauerhafter Fuß in der praktischen Medizin fassen, je naturwissenschaftlich
fundierter ihre Grundkonzeption ist. Umgekehrt ist die Gefahr, die jeder neuen
Richtung anhaftet, groß, durch zu weit gesteckte therapeutische Ziele
und weit gestreute Indikationen den gewonnenen Boden zu verlieren, wenn sie
unzureichend theoretisch fundiert und praktisch interpretiert werden kann.
Dies war die Situation, in welche die Zelltherapie nach einer hektischen Blütezeit
in den Jahren 1955 bis 1960 geriet. Unkontrolliert weit gestreute Indikationen
und eine nicht substanziierte Vorstellung über die Wirkungsweise haben
die Massenanwendung zunächst gefördert und damit Fehlbehandlungen
und Mißerfolge provoziert, deren Folgen erst durch jahrelange Bemühungen
wieder beseitigt werden können. Schon über 3 Jahrzehnte geht die Diskussion
über die Wirkungsweise der Zelltherapie; sie ist als sogenannte "empirische"
Therapie in das Bewußtsein der Ärzte der Gegenwart gedrungen. Geführt
durch die praktischen Ergebnisse wurde auf die Frage der theoretischen Fundierung
wenig Wert gelegt, gelegentlich lediglich die Frage diskutiert, ob die Wirkung
spezifisch oder unspezifisch sei. Das Versäumnis, zu begründen und
ein didaktisch brauchbares Gebäude der Zelltherapie zu errichten, hatte
zwangsläufig zur Folge, dass sich diese Therapieform auf einen Kreis Interessierter
beschränkte, ohne Anschluß an die naturwissenschaftlich orientierte
Medizin in der Gegenwart zu finden. Während sich im Bereich der Naturwissenschaften
das Schwergewicht zunehmend in Richtung auf die Biologie, in der Medizin zunehmend
in Richtung auf die Biochemie verlagert, ist die therapeutische Konzeption der
Gegenwart der Medizin rein chemisch determiniert. Doch allmählich dürfte
sich hier der Weg vollziehen, daß die biologischen und biochemischen Grundprozesse
des lebenden Gewebes, vor allem aber der Zellorganisation, Eingang finden in
eine zukünftige therapeutische Konzeption. Insofern kann die Zelltherapie
als Vorläufer einer künftig biologisch-biochemisch orientierten Therapie
angesehen werden, wenn es ihr gelingt, die Grundforderungen eines therapeutischen
Konzepts für die Gegenwart und Zukunft zu erfüllen. Dazu gehören:
1. eine klare Definition
2. die experimentelle und theoretische Fundierung der Behandlungsmethode
3. Schaffung standardisierter Präparate, deren biochemische Zusammensetzung
und pharmakodynamische Wirkung deklariert werden kann
4. Besserung der Applikationsformen, die eine breite Anwendbarkeit ermöglichen
5. Erstellung eines klar umrissenen Indikatäonsspektrums
Überträgt man diese naturwissenschaftlichen Forderungen in die ärztliche
Praxis, würden die gleichen Fragen lauten:
1. Was ist Zelltherapie?
2. Wie wirkt die Zelltherapie?
3. Wann ist Zelltherapie indiziert?
Diese aufgeworfenen Fragen vom naturwissenschaftlichen
und praktischen Standpunkt aus zu analysieren, ist Aufgabe der nachfolgenden
Abschnitte.
Analyse der Zelltherapie
Ein unabdingbarer Grundsatz moderner medizinischer Betrachtungsweise ist die
naturwissenschaftliche Definition in Diagnostik und Therapie. Die entsprechende
Definition für die Zelltherapie lautet: Zelltherapie ist eine Injektionsimplantation
von (homologen oder heterologen) fetalen oder juvenilen Zell- und Gewebesuspensionen
in physiologichen Lösungen.
Das therapeutische Material
Fetale oder frühjuvenile Zellen und Gewebsverbände werden verwendet,
weil sie gegenüber adulten Geweben zwei wesentliche Eigenschaften besitzen,
die für die Zelltherapie von Bedeutung sind. Ein Grund für die Verwendung
von fetalen Geweben liegt in der fehlenden oder geringen Antigenität dieser
Substanzen. Da der Foetus im Mutterleib selbst ein toleriertes Implantat darstellt,
also physiologischerweise beim mütterlichen Organismus keine Antikörperbildung
auslösen darf, sind die antigenen Qualitäten fetaler Gewebe unter
physiologischen Bedingungen vernachlässigungswert.
Der zweite Grund für die Verwendung fetaler oder juveniler Gewebe liegt
in den biologischen Potenzen. Jugendliche Gewebe haben neben dem Erhaltungsstoffwechsel
den biochemischen Bedarf derWachstums-Dynamik zu gewährleisten, müssen
in ihrer Enzym- und Substrat-Ausstattung diesen erhöhten Stoffwechselanforderungen
gerecht werden.
Cytochemische Analysen der verwendeten Gewebe haben ergeben, dass hier tatsächlich
eine hohe Ausstattung mit organischen Substanzen, und zwar sowohl Substraten
als auch Enzymen, als auch anorganischen Verbindungen, vorliegt.
Standardisierung
Für die praktisch therapeutischen Zwecke ist es erforderlich, mit qualitativ
und quantitativ konstanten Präparaten zu arbeiten. Während in der
Hand des Erfahrenen die Verwendung frischer Gewebe durchaus effektvoll und tragbar
sein kann, steht einer Verwendung von Frischgeweben in der allgemeinen Medizin
die fehlende Sicherheit und die fehlende Qualitäts- und Quantitätsbestimmung
entgegen. Die verwendeten Präparate haben der Forderung nach Asepsis gerecht
zu werden. Dabei sind übliche Wege - wie die einer Bestrahlung oder der
Zugabe von Antibiotika - nicht gangbar, da dadurch die native Zusammensetzung
der biologischen Gewebe verändert wird. Als Methode der Wahl hat sich deshalb
die Lyophilisierung herauskristallisiert. Durch rasche Gefrierung und gleichzeitigen
Flüssigkeitsentzug werden die biochemischen Abbauprozesse der Gewebe sofort
gestoppt, so dass die gefriergetrockneten Substanzen den nativen Substanzgehalt
bewahren und damit den sogenannten Frischgeweben sogar überlegen sind.
Als weiterer Vorteil des Verfahrens kommt hinzu, dass die Präparate quantitativ
klar zu bemessen und qualitativ kontrollierbar zu analysieren sind.
Injektions-Implantation
Gegenüber dem konventionellen Verfahren der Implantation hat die Injektionsimplantation
wesentliche Vorteile; letztere sind wie folgt zu skizzieren:
1. Injektions-Implantationen führen zu einer schnellen Verteilung des implantierten
Zellmaterials über den Körper
2. Implantat-Schädigungen durch mangelhafte Blutversorgung während
des Implantat-Abbaues bleiben aus
3. Ist eine rasche Einschleusung in die metabolischen Prozesse durch die suspendierte
Form möglich
4. Ergibt sich die Möglichkeit, Organe zu erreichen, die durch Kontakt-Transplantation
nicht (Gehirn, Leber) oder schwer (Niere, endokrine Drüsen) erreichbar
sind
5. Werden die fetalen Gewebe mit ihren höheren biologischen Potenzen vom
Empfänger auf dessen eigenen Stoffwechselwegen transportiert und an strukturell
geeigneten Stellen verwendet. Die Auswahl des Einbaues überwacht und bewerkstelligt
also der Organismus selbst.
Für die Injektions-Implantation kommt theoretisch der intravenöse, der intraperitoneale, der intramuskuläre und der subcutane Weg in Frage. Der physiologischste Weg dürfte die intraperitoneale Applikation sein, die jedoch ebenso wie die intravenöse wegen der damit verbundenen Gefahrenquellen praktisch nur in Ausnahmefällen gangbar ist. Bislang am häufigsten verwendet wurde die intramuskuläre Applikation, die einen Mittelweg zwischen der subcutanen und der intraperitonealen darstellt. Sie hat den Nachteil, daß durch die intramuskuläre Gabe Zerrungen und Blutungen an den Injektionsstellen erfolgen, die zu sekundären Prozessen Anlaß geben. Als Methode der Wahl bietet sich die tiefubcutane epifasciale Verteilung des Implantationsdepots an. Dabei sollte die Injektion auch bei größeren Volumina völlig atraumatisch - d. h. ohne Widerstand - erfolgen. Als Injektionsorte sind der äußere Quadrant des Glutealgebietes und die Bauchhaut am geeignetsten.
Weg und Wirkung der Zellimplantate
Alle bisherigen experimentellen Untersuchungen zeigen deutlich auf, dass die
implantierten Zellen sich nicht als Organisationseinheiten im Empfänger-Organismus
ansiedeln, sondern sehr rasch abgebaut werden. Die Partikelgröße
der Implantate unterschreitet meist schon nach l bis 2 Stunden die Grenzen einer
mikroskopisch faßbaren Größenordnung.
Die lyophilisierten Gewebepartikel werden zunächst am Ort der Injektion
netzartig aufgelockert und als Partikel an die Zellmembran von körpereigenen
Mikrophagen angelagert. Von diesem Augenblick an werden die mit heterologen
oder homologen Fremdgeweben beladenen Mikrophagen vom Empfänger-Organismus
selbst als fremd empfunden und fallen in den nächsten Stunden der Phagozytose
durch mononukleäre Makrophagen anheim. Dieser Prozeß ist etwa nach
24 - 48 Stunden beendet. Zu diesem Zeitpunkt ist das Spendermaterial so weit
degradiert, daß es dem optischen und biochemischen Nachweis entzogen ist.
Aus den Umbau-Vorgängen in den mononukleären Zellen kann man schließen,
dass zwischen dem 3. und 7. Tag nach der Implantation weitere Stoffwechselprozesse
intrazellulär ablaufen, wobei die Fremdgewebe wahrscheinlich bis auf makromolekulare
Ebene abgebaut werden.
Nach einem Selbstverteilungsprinzip werden die im Organismus intrazellulär
transportierten makromolekularen Strukturen an den Stellen eingebaut, wo sie
strukturell hinpassen. Voraussetzung für die therapeutische Wirksamkeit
von heterologen Zellimplantationen ist deshalb ein Strukturdefekt der erkrankten
Gewebe, d. h. ein entsprechender ökologischer Raum für den Einbau
von Strukturen.
Die Stoffwechselautonomie der Zelle gewährleistet, dass Stoffe, die gebraucht
werden, an jenen Stellen eingebaut werden können, wo sie hinsichtlich ihrer
Molekularstruktur einbaubar sind; Stoffe, die nicht abgebaut und nicht eingeschleust
werden können, von Antikörpern umhüllt und auf diese Weise biologisch
unwirksam gemacht werden.
Aus den Gesetzmäßigkeiten über Abbau und Einschleusung der implantierten Gewebe in die körpereigenen Stoffwechselbahnen und Körperstrukturen ergibt sich zwischen dem Zeitpunkt der Implantation und der experimentell oder klinisch faßbaren Wirkung eine Latenzzeit. Diese beträgt bei mesenchymalen Organen 3 Tage als Minimum und bei spezifischen Organgeweben, wie Gehirngewebe oder Nierengewebe, 2 bis 3 Wochen als Maximum. Von dieser Latenzzeit eine Ausnahme machen verschiedene endokrine Organe, wie Placenta, da nach Injektionsimplantation dieser Gewebe schon innerhalb eines Tages oder von Stunden eine merkliche Beeinflussung des Allgemeinbefindens im Sinne einer allgemeinen Revitalisierung beobachtet werden kann. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um Hormon-Effekte und Wirkungen anderer Zellinhaltsstoffe, die durch Freisetzung aus den implantierten Zellen sofort wirksam werden können.
Indikationsbereich der Zelltherapie
Die Injektions-Implantation fetaler Gewebe ist eine biologisch orientierte Therapieform,
die wohl die erste systematische mole-kularbiologische Behandlungsart darstellt.
Da dabei nicht von herkömmlichen Vorstellungen einer Beseitigung von Schäden
ausgegangen wird, sondern eine echte Regeneration der Organleistungen angestrebt
wird, erschließt diese Therapieform ganze Gruppen von Krankheiten, die
bisher als therapeutisch nicht zugänglich oder nur als symptomatisch behandelbar
angesehen wurden.
Folgende Gruppen von Störungen mit Krankheits-Charakter
versprechen von der Erwartung her mit Zellimplantationen beeinflußbar
zu sein:
1. Anlagebedingte Insuffizienzen
2. Krankheitsbedingte Leistungsschwachen
3. Altersbedingter Leistungsabfall von Organen, Organgruppen oder funktioneilen
Einheiten (Regelkreise).
In diese Gruppe von Störungen fallen Anlagefehler des Gesaintorganismus
auf der Basis keimplasmatischer Defekte und lokalisierte Entwicklungsfehlbildungen.
Obwohl bislang ausreichende Erfahrungen über die therapeutische Wirksamkeit
nur bei wenigen Krankheitseinheiten (z. B. Mongolismus, enchondraleDys-ostosen)
bekannt sind, sind ähnliche Effekte von der theoretischen Grundkonzeption
her zu erwarten bei:
a) Chromosomenaberrationen
b) Erbleiden (Mesenchymosen, Achondroplasie, enchondrale Dysostosen)
c) Stoffwechselstörungen und Speicherkrankheiten.
Bei all den genannten Störungen muß eine genbedingte
Insuffizienz im morphologischen oder funktionelien Bereich angenommen werden,
d. h. ein Mangel an Substraten oder Enzymen, der sich seinerseits zunächst
morphologisch und dadurch wieder funktionell auswirkt.
Unter den lokalisierten Defekten stehen der Häufigkeit und der klinischen
Problematik nach die perinatalen Hirnschädigungen im Vordergrund des ärztlichen
und sozial-medizinischen Interesses. Das Gros entsteht durch Sauerstoffmangel
oder traumatische Schädigungen des Gehirns vor, während oder nach
der Geburt. Die Folgeerscheinungen sind unter dem Sammelbegriff der infantilen
Cerebralparese (cerebrale Kinderlähmung) zusammengefaßt.
Je nach Lokalisation resultieren Spastik, Bewegungs- und Koordinationsstörungen,
Sinnesdefekte, psychische und intellektuelle Ausfälle, wobei nicht selten
auch ein grob anatomisches Substrat der Krankheit in Form einer Mikrocephalie
vorliegt. Neben den großen Hilfen, die man heute den betroffenen Individuen
im Säuglingsalter durch eine gezielte Übungs- und Lagerungstherapie
geben kann, ist die Zelltherapie die einzige Möglichkeit, organische Defekte
innerhalb des Gehirns zu beeinflussen. Der Erfolg wird aber um so geringer anzusetzen
sein, je weiter die Gehirnentwicklung fortgeschritten ist. Jenseits des dritten
Lebensjahres nehmen die Chancen rasch ab, jenseits des siebenten Lebensjahres
sind sie verschwindend gering.
2. Krankheitsbedingte Leistungsschwäche
Das Hauptindikationsgebiet für Implantationen und Transplantationen konventioneller
Art bilden degenerative Organveränderungen, welche mit konservativen oder
operativen Mitteln nicht mehr reparabel sind. Bei den parenchymatösen Organen
ist eine große Gruppe von chronischen Krankheiten gekennzeichnet durch
Ersatz des Parenchyms durch Bindegewebe. Hierher gehören die Nephrosklerosen,
die Gehirnsklerosen, die Gefäßsklerosen, der Parenchymschwund endokriner
Organe und die Lebercirrhosen. So wenig heterologe Zellinjektionen bei akuten
Entzündungen indiziert sind, so sehr erfolgversprechend ist ihre Anwendung
bei den oben genannten Krankheitsgruppen, wobei das jeweilige Organgewebe mit
fetalem Bindegewebe oder Placenta kombiniert werden sollte.
3. Altersbedingter Leistungsabfall
Der altersbedingte Abfall körperlicher und geistiger Leistungen beruht
in erster Linie auf einer Degeneration und Sklerose der Organe. Die Gefäßkrankheiten,
die zu Herz- und Nierenkomplikationen sowie zur Cerebralsklerose führen,
sind, ähnlich wie die Restzustände nach chronischen Krankheiten, im
Prinzip durch Parenchymschwund und Bindegewebszunahme charakterisiert. Dazu
gesellt sich die physiologische Alterung der endokrinen Organe, die im Zusammenwirken
mit den jeweiligen Organinsuffizienzen den allgemeinen altersbedingten Leistungsabfall
hervorrufen.
Kaum ein anderes Indikationsgebiet hat sich für die Implantation heterologer Zellen so bewährt, wie die physiologischen und pathologischen Alterungsprozesse, die offensichtlich durch die hohen biologischen Potenzen der fetalen Gewebe verzögert oder gestoppt werden können.
Gruppierung der Organe
Um eine gewisse Systematik in den Organarten und ihren Indikationen zu erhalten,
empfiehlt es sich, folgende vier Gruppen von Organpräparaten zu differenzieren:
I. Mesenchym- und Bindegewebsorgane
II. Endokrine Organe
III. Gehirnpräparate
IV. Organpräparate.
Das bis heute schwierigste und durch die praktische Anwendung erst teilweise erschlossene Gebiet ist die Organwahl im Einzelfall. Als grobe Richtlinie kann dabei gelten, dassein erkranktes Organ durch organgleiches fetales Gewebe beeinflußt wird. Da aber bei allen Insuffizienzzuständen nicht nur ein Organ geschädigt ist, sondern die zum Regelkreis gehörende funktionelle Einheit mitbeteiligt ist, empfiehlt es sich, zusätzlich unterstützende Zellsuspensionen aus den Reihen der Organe, die zum Funktionskreis gehören, zu verwenden. Die Kenntnis funktioneller Zusammenhänge im Organismus und eine individuelle therapeutische Konzeption ist deshalb bei diesem biologischen Therapieverfahren wesentlicher als in vielen anderen Gebieten der Medizin.
Aspekte der Zelltherapie
Jeder, der mit Fragen der Zelltherapie konfrontiert wird - sei es praktisch
handelnd, theoretisch forschend oder kritisch ablehnend - steht vor der Frage,
ob es sich dabei um eine Moderichtung der Gegenwart handelt oder um den Beginn
einer zukünftigen Medizin. Unkritische Anwendung der Zelltherapie in den
vergangenen Jahren hat in weiten akademischen Kreisen eine Strömung ausgelöst,
die ausgesprochen gegen die Zelltherapie gerichtet ist. Ungeachtet der damit
verbundenen emotionel-len Vorgänge haben aber heute Zellimplantationen
und Injektionen von Zellsuspensionen schon weitverbreiteten Eingang in die Therapie
gefunden. Man braucht dabei nicht an die Bluttransfusion oder Thrombozyten-Infusion
zu erinnern, Verfahren, die zu den ältesten zelltherapeutischen gehören.
In den letzten Jahren wurden auch zunehmend Knochenmark-Suspensionen, Thymus-Suspensionen,
Lymphozyten-Suspensionen erfolgreich eingesetzt, wenn auch nicht als Zelltherapie
deklariert.
Das der Medizin gegenwärtig zur Verfügung stehende therapeutische
Material wird überwiegend von der chemischen Industrie gestellt. Biologische
Behandlungsmethoden sind in der Praxis wohl verbreitet, spielen aber prozentual
gegenüber den chemischen Drogen eine untergeordnete Rolle. Nach der gegenwärtigen
Entwicklung der Naturwissenschaften und der Biochemie ist zu erwarten, daß
zukünftig in zunehmendem Maße die Therapie nach den biochemischen
Grundvorgängen in der körperlichen Zelle orientiert wird. Insofern
dürfte die Zelltherapie am Beginn einer medizinischen Zukunftsentwicklung
stehen, vielleicht sogar deren grobes Modell sein.
Die noch bevorstehende Aufgabe liegt darin, die biologische und biochemische
Orientierung einer Zukunftsmedizin in das naturwissenschaftliche Gebäude
der Gegenwartsmedizin einzubauen.
Prof. Dr. med. F. Schmid (verst.)